Wir sind angekommen. Angekommen und haben etwas gesehen was wir so gar nicht erwartet hatten, obwohl ich mir Mühe gegeben habe mir keine Gedanken über Erwartungen im Voraus zu machen. Stopp ich muss mich korrigieren, zwei Erwartungen hatte ich doch: mindestens fünf Stunden am Tag zu arbeiten, wie man das auf einem Bauernhof halt macht und eine heiße Dusche. Aber was habe ich ziemlich schnell in meinem Leben gelernt: Erstens es kommt immer anders und zweitens als man denkt.

Angekommen

Dienstag sind wir auf der Farm angekommen und wurden erst einmal sehr herzlich mit einem warmen Tee begrüßt. Gearbeitet haben wir an diesem Tag nicht mehr, da es zu dieser Jahreszeit ja leider schon um fünf Uhr nachmittags dunkel ist. Wir saßen also in deren Haus, haben uns mit den beiden unterhalten und wurden einmal über das Grundstück geführt.

In dem Haus leben zwei Männer, Franco und Marvin. Anfangs dachte ich, dass es Sohn und Vater sind, aber nein. Franco hat bis vor ungefähr zehn Jahren alleine dort gelebt. Schon mindestens so lange beherbergt er Menschen aus aller Welt, die mehr über die sizilianische Kultur kennenlernen wollen und gerne helfen. Auch Marvin kam als Volunteer und ist dann geblieben. Die beiden teilen eine sehr lockere Lebenseinstellung und leben in den Tag hinein. Wirklich gearbeitet wird nur bei schönem Wetter und alles wird nur dann gemacht, wenn man Lust drauf hat. Aber nicht nur diese Einstellung teilen die beiden, sondern auch den Blick auf die Gesellschaft. Die Gesellschaft als ein System in dem du irgendwann nur feststeckst, wie in einem Hamsterrad. Als ein System in dem du einerseits die Möglichkeit hast frei zu entscheiden, aber andererseits überhaupt nicht frei bist, denn da ist das Geld, der Druck, die Erwartungen. Alles Dinge an die man irgendwie gebunden ist. Franco und Marvin sind also Freigeister, Aussteiger aus der Gesellschaft, Menschen die im Einklang mit der Natur und mit nur sehr wenig Geld leben. Ob sie das aus freien Stücken tun, also aus Überzeugung oder ob sie einfach arm sind, das weiß ich nicht und darüber möchte ich auch nicht urteilen.

Das Grundstück ist ein großer Olivenhain mit ein paar wenigen Mandelbäumen, Orangenbäumen und Unmengen an interessanter, selbst aufgezogener Pflanzen. Mitten zwischen den Oliven steht ein Haus. Eigentlich kann man das Haus in dem sie leben gar nicht wirklich Haus nennen. Es ähnelt mehr einem „Kabuff“. Wer dieses Wort nicht kennt, laut dem Duden ist das ein kleiner, dunkler, meist fensterloser Raum. Das trifft es schon ganz gut. Um es noch besser zu beschreiben: Habt ihr schon mal diese kleinen Schuppen auf den italienischen Feldern gesehen? Garagenähnlich? Oft werden in diesen Schuppen Werkzeuge und Fahrzeuge gelagert, aber Franco und Marvin leben in so einem „Schuppen“. Nur die Schlafzimmer sind in diesem Haus. Das Wohn- und Esszimmer sowie die Küche sind in einem vorzeltartigen Konstrukt. Kühlschrank gibt es nicht, gekocht wird über dem Feuer und einem Campingkocher, geheizt wird auch mit dem Feuer und der Strom kommt von den Solarplatten auf dem Dach. Das ganze Haus, die Zäune drum herum und eigentlich das Grundstück gleicht einem kleinen Kunstwerk. Egal wohin du schaust, jeden Tag entdeckst du etwas neues, was dir gestern noch nicht aufgefallen ist. Die Olivenölflaschen die in den Bäumen hängen, die Krippenfiguren aus Plastik die im Garten verteilt stehen oder die Uhr, die seit drei Jahren auf 12:05 Uhr steht. Der gesamte Besitz von Franco und Marvin stammt vom Müll. Wobei der „Müll“ in Italien eher wie ein deutsches Gebrauchtwarenhaus ist und nicht wie eine Müllhalde voller Hausmüll. An sich unterstütze ich das Prinzip gebrauchte Dinge zu verwenden sehr, aber ich habe mich gefragt ob die beiden dazu neigen vom Müll auch sehr viel Ramsch, der eigentlich gar nicht gebraucht wird, mitzunehmen. Auf jeden Fall sieht es teilweile so aus, denn viele Sachen haben keine wirkliche Verwendung und liegen unachtsam herum. Kurz gesagt, Franco und Marvin leben in einfachem Stil.

Durch die Gespräche und das gemeinsame Abendessen, es gab Muffuletti, traditionelle sizilianische Teigtaschen die am Tag der Madonna gegessen werden, verflog der Abend schnell.

Und sonst so…

Wir waren bis Sonntag auf der Farm. So viel gearbeitet wie erwartet haben wir leider nicht wirklich, da es viel geregnet hat und an Regentagen draußen nicht gearbeitet wird. Um es kurz zu schildern, wir haben einen Teil der restlichen Oliven geerntet und geholfen die Olivenbäume zurückzuschneiden. An einem Tag haben wir Mandeln geknackt und frisches Pesto für das Abendessen daraus gemacht. Freitag sind wir mit zu Francos Strandhaus gefahren. Dort steht deren Esel, zu dem sie zweimal wöchentlich fahren um ihn zu füttern. An unserem letzten Tag, Samstag, haben wir noch begonnen einen neuen Zaun zu bauen. Ansonsten haben wir immer beim Kochen geholfen, Karten gespielt und viel geredet. Ich hätte gerne mehr gearbeitet, aber die heiße Dusche habe ich am Ende trotzdem bekommen.

Nochmal hin?

Zuerst einmal möchte ich sagen, dass ich unglaublich dankbar bin diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich habe gemerkt wie ich all das neue Wissen über die Kultur und das Leben der beiden förmlich aufgesogen habe. Trotzdem habe ich mich dort nicht ganz wohlgefühlt. Immer wieder hatte ich das Gefühl in eine Schublade gesteckt zu werden. In die Schublade der Reichen, der Privilegierten. Ich weiß, dass ich im Gegensatz zu diesen beiden reich und auf jeden Fall privilegiert bin, aber es ging um ein bestimmtes Thema bei dem ich mich in eine Schublade gesteckt gefühlt habe. Es ging um unseren Lebensstil, beziehungsweise die Schritte die wir gemacht haben um in einem Van leben zu können, denn alles was wir für den Van, den Ausbau und die Reise ausgegeben haben und ausgeben werden, dafür haben wir gearbeitet und gespart. Wir haben bei 0 angefangen. Wir haben uns unseren Traum selbst erarbeitet. Das Geld ist nicht vom Himmel gefallen. Und das, hatte ich das Gefühl, haben die beiden nicht so ganz verstanden. Sie haben nicht so ganz verstanden, dass auch wir, die die aus dem wohlhabenden und privilegierten Deutschland kommen, auch für ihre Träume arbeiten müssen. Mit dieser Einstellung konnte ich mich nicht so ganz identifizieren. Ich bin mir nicht sicher ob die beiden tief in sich drin neidisch waren, dass wir einen unserer Lebensträume verwirklicht haben. Wenn das so ist kann ich nur sagen, dass jeder Einzelne von uns jeden Tag eine neue Möglichkeit hat sein Leben zu ändern, seinen Träumen ein Stück näher zu kommen. Es ist nur die eigene Kraft und Motivation die man dazu aufbringen muss.

Auch wenn ich an diesen Ort wahrscheinlich nicht nochmal zurückkehren werde, habe ich viel über mich, die Kultur und Einstellungen gelernt, die ich teilweise nicht teilen möchte. Aber selbst wenn man sich nicht immer mit den Einstellungen und Meinungen der anderen identifizieren kann, man nimmt immer etwas davon mit. Und genau für all das ist diese so große Meinungspluralität so wichtig, um zu wachsen.

Und zu wachsen ist eines meiner Ziele. Eines meiner Ziele, dem ich auf dieser Reise immer näher kommen will. Warum ich diese Reise mache kannst du in meinem letzten Post Neuanfang lesen.

Zur Werkzeugleiste springen